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K.Ein Einziges Wort

Als Jan die Augen wieder öffnete, war er sich sicher, dass er im Schlaf gestorben und in den Himmel gekommen war.

Denn wie sonst könnte ein Engel auf ihn herabsehen?

Er musste im Paradies sein. Der Engel beugte sich über ihn und sah ihn an, ohne zu lächeln, aber auch nicht böse oder gelangweilt. Er blickte einfach, ohne jegliche Wertung im Gesicht, auf ihn herab.

Eine ganze Weile lag Jan einfach nur so da und starrte den Engel an, versuchte sich so viel wie möglich von dieser Schönheit einzuprägen.

Der Engel kam ihm bekannt vor. Aber warum?

Langsam stützte Jan sich auf die Unterarme und richtete sich etwas auf. Der Engel setzte sich auf die Knie zurück und musterte ihn weiterhin. Stumm, ohne ein Wort zu sagen.

Und da wusste Jan plötzlich, wer er war. Er sah ihn beinahe jeden Tag, er sprach sogar oft mit ihm. Aber das war nicht möglich.

„Wer…“ weiter kam er nicht. Der Engel, der keiner war, stand plötzlich und ruckartig auf und lief weg, ohne sich umzudrehen.

„Warte!“ Als Jan auf die Füße gesprungen war, war der Junge bereits durch das Loch im Zaun geklettert, der das Abbruchgebiet absperrte.

Es machte keinen Sinn, ihm zu folgen. Warum auch? Er würde den Engel morgen wieder sehen.

Jan lächelte.

Am nächsten Tag hatte er sich wieder auf die Wiese gelegt. Die Sonne hatte geschienen, deshalb hatte Jan einen Arm übers Gesicht gelegt und gewartet. Jeder seiner Sinne war darauf aus, den Engel als Erster zu entdecken. Jan sah blicklos ins Leere und rief sich in Gedanken das Bild des Engels vor Augen. Seine Haut hatte den weichen, samtigen Ton von hellem Zimt gehabt, von dem sich die dunklen, glänzenden Haare abgehoben hatten wie flüssiges Ebenholz. Der Engel war kleiner als er und hatte eine schlanke, kräftige, elegante Statur, an der nicht ein einziger Makel war, wie bei einem jungen Kater.

Aber es waren die Augen, dachte Jan überrascht, an die er sich am besten erinnerte. Diese unergründlichen, diese tiefen Kandisaugen, von der Farbe reifer Kastanien, die ihn anblickten, wie der Milchschaum auf einer Tasse Kaffee. So sanft und flüchtig.

Und trotzdem unvergesslich.

Der Engel kam an diesem Tag nicht mehr. Spät, als die Sonne bereits hinter den hohen Wipfeln der Steingebäude verschwunden war, stand Jan langsam auf. Seine Enttäuschung ließ ihm keine Ruhe, als er den Weg zu seiner Wohnung mit gesenktem Kopf zurücklegte. Hatte er sich getäuscht? Hatte er vielleicht nur geträumt?

Jan schlief an diesem Tag nicht. Er träumte. Er träumte von einem Engel, der vielleicht keiner war, der ihn besuchte und ihn ansah.

Noch bevor die Sonne sich am nächsten Tag über die Brüstungen der ersten Häuser hervorgehievt hatte, verließ Jan die Wohnung und machte sich auf den Weg zur Stadtbibliothek. Als er endlich in dem Raum war, in den er wollte, verzagte er plötzlich und wollte die vorhin noch so ersehnte Gewissheit nicht mehr haben, aus Furcht vor einer erneuten Enttäuschung. Schließlich wagte Jan doch einen Blick.

Und sah seinen Engel.

Das Gemälde hing schon seit der Gründung der Bibliothek an diesem Platz. Niemand wusste, wer es gemalt hatte, oder warum es dort hing. Aber es war der letzte Wille des Gründers gewesen, dass dieses Bild auf ewig an dieser Stelle hängen sollte. Und man hatte diesem Wunsch entsprochen.

Jan hatte die Angewohnheit, den Engel zu begrüßen und sich auch von ihm zu verabschieden. Und das machte er jedes Mal. Es hatte noch nie eine Ausnahme gegeben.

Manchmal waren es die einzigen Worte, die er in dem Gebäude von sich gab. „Hallo, Engel.“ und „Auf Wiedersehen, Engel.“ Es war ihm egal, wenn ihn Leute dabei sahen. Heute aber flüsterte er diese Worte nur. Stattdessen betrachtete Jan das Bild heute mit einer Sorgfalt, die er noch nie zuvor gezeigt hatte.

Sein Engel stand am Rande einer Klippe. Er hatte die Arme weit von sich gestreckt, so dass der ewige Wind des Gemäldes an seiner weißen Kleidung zerrte. Einen Fuß hatte er weit von sich gestreckt, so dass man sehen konnte, dass er weder Socken, noch Schuhe trug. Der Engel hatte die Augen geschlossen und schien auf jemanden zu warten, der ihn von seinem Sprung abhielt- jemand, der nie kommen sollte.

Auf einmal erstarrte Jan. Er konnte nicht glauben, was er da sah. Jan stand jedes Mal, jedes Mal wenn er in die Bibliothek kam, vor diesem Bild. Oft unterhielt er sich sogar mit dem stummen Engel. Und er wusste, dass die weiße Kleidung des Engels makellos war. Ohne jeden Fleck.

Aber auf den Knien des Engels waren Grasflecken.

Die nächsten zwei Tage war Jan nicht zu der Wiese gegangen. Er hätte sich sagen können, dass er zu viel zu tun hatte, aber das wäre eine Lüge an sich selber gewesen. Er wollte nicht enttäuscht werden, nicht herausfinden, dass sein Engel tatsächlich nicht mehr war als ein Traum. Darum mied er den Ort ihrer Begegnung.

~In seinem Traum stand Jan auf einer Klippe, die ins Meer hineinragte. Ein ehrgeiziger Windstoß, zerrte an seiner Kleidung und pfiff ihm um die Ohren, aber Jan hörte weder das Rauschen des Windes, noch das Tosen der Wellen unter ihm. Er wusste wo er war. Und seine Befürchtung bestätigte sich, als er vor sich den Engel an der Klippe stehen sah. Es war dieselbe Pose wie auf dem Gemälde in der Stadtbibliothek, aber Jans Perspektive hatte sich verändert. Er war derjenige, auf den der Engel gewartet hatte. Aber er konnte sich nicht bewegen, konnte nur zusehen, als der Engel sich langsam umdrehte, tief schluckte, und fiel…

„Rodrigo!“~

Schweißgebadet wachte Jan in seinem Zimmer auf. Er starrte auf seine ausgestreckte Hand, die sich um ein nicht existierendes Handgelenk geschlossen hatte um einen geträumten Sturz in die Tiefe aufzuhalten.

An diesem Tag hatte Jan eine Entscheidung getroffen. Er würde heute zu der Wiese gehen und auf seinen Engel warten. Wenn er ihn nicht sehen würde, würde er all dies vergessen und normal weiterleben. Wenn nicht…

…dann würde er den Sprung ins Ungewisse wagen.

Jan setzte sich erst langsam hin, bevor er sich schließlich ins Gras legte. Er beobachtete kurz die Wolken, bevor er die Augen schloss und wartete. Trotz seiner Anspannung schlief Jan irgendwann ein.

Als Jan die Augen wieder öffnete, war er sich sicher, dass er im Schlaf gestorben und in den Himmel gekommen war.

Denn wie sonst könnte sein Engel auf ihn herabsehen?

Er musste im Paradies sein. Der Engel beugte sich über ihn und sah ihn an, ohne zu lächeln, aber auch nicht böse oder gelangweilt. Er blickte einfach, ohne jegliche Wertung im Gesicht, auf ihn herab.

Eine ganze Weile lag Jan einfach nur so da und starrte den Engel an, versuchte sich so viel wie möglich von dieser Schönheit einzuprägen. Er wusste das er sie nie vergessen konnte, und dass das von jetzt an auch gar nicht nötig sein würde. Aber er versuchte es trotzdem.

Jan sah den Engel ruhig für eine Weile an. Dann sprach er.

„Hallo, Engel.“

Und der Engel lächelte. „Hallo, Jan.“

ENDE

7.1.09 19:20
 


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